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Wie barrierefrei ist das Gendern?

eine Hand hält eine Regenbogenflagge fest
Foto: © Jose Pablo Garcia

Mehr und mehr Unternehmen, Institutionen und Behörden rücken vom generischen Maskulinum ab und legen Wert auf eine geschlechtergerechte Sprache. Je nachdem, welche Form man dabei wählt, kann dieser Ausdruck der Inklusivität aber sogar mit der Barrierefreiheit aneinandergeraten. An manchen Stellen ist Kompromissbereitschaft gefragt. Unter anderem mit Audio-Beispielen zeige ich Schwierigkeiten und praxisnahe Lösungsansätze.

(Keine) Leichte Sprache

»Leichte Sprache« richtet sich unter anderem an Menschen mit kognitiven Einschränkungen wie bei Lern- oder Leseschwierigkeiten, funktionalem Analphabetismus, Demenzerkrankungen und Hirnschädigungen. Es ist eine reduzierte Form der Deutschen Sprache, die einem festen Regelwerk folgt. Öffentliche Stellen sind nach der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) angewiesen, Erläuterungen in Leichter Sprache bereitzustellen. Das Ziel ist die Verständlichkeit, weshalb sich die Leichte Sprache auf bekannte Worte und knappe Sätze ohne komplexer Strukturen beschränkt. Auch von Sonderzeichen muss Abstand genommen werden – womit das Gendern mit dem Sternchen/Asterisk, Unterstrich, Doppelpunkt, Mediopunkt et cetera nicht mit dem Ziel der Leichten Sprache zu vereinen ist.

Daneben gibt es noch die »Einfache Sprache«. Sie besitzt dagegen kein strenges Regelwerk, Nebensätze und schwierigere Wörter sind erlaubt. Ihr Schriftbild unterscheidet sich auch stark von der Leichter Sprache, da nicht nach jedem Satz ein Absatz eingefügt werden muss. Aber auch hier ist das Gendern mit Sonderzeichen dem Ziel des leichten Verständnisses eher hinderlich.

Ratsam ist dagegen die Paarform, auch Doppelnennung oder Beidnennung genannt, bei der immer die männliche und weibliche Form genannt werden: »Schüler und Schülerinnen«. Dass die männliche Form hier zuerst genannt wird, hat nichts mit fehlender Etikette zu tun, sondern mit der Empfehlung, die männliche Form zuerst anzuführen. Diese ist kürzer und oft bekannter. Bei der Paarform wird jedoch von der LGBTQ+-Community kritisiert, dass sie lediglich zwei Geschlechter repräsentiert.

Auch deshalb bietet sich an, neutrale Formulierungen zu nutzen. Beispiele dafür sind Menschen, Mitglieder oder Personen. Partizipien, Neuschöpfungen und weniger bekannte Formulierungen sollten in dem Kontext aber vermieden werden.

Wenn man sich in der Leichten Sprache dennoch für die geschlechtergerechte Sprache mit Sonderzeichen entscheidet, sollte das im Text zu Beginn erklärt werden.

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Screenreader und andere Hilfstechnologien

Blinde und sehbehinderte Menschen, aber auch Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten nutzen auf ihrem Endgerät einen sogenannten »Screenreader«, der den Inhalt des Bildschirms vorliest. Auch altersweitsichtige Personen nutzen gerne die Vorlesefunktion ihres Computers oder Smartphones. Populär ist vor allem die freie Software NVDA (NonVisual Desktop Access), der auch für die folgenden Audiobeispiele genutzt wird. Insbesondere bei der gegenderten Sprache mit Sonderzeichen gibt es Tücken, die die Verständlichkeit des vorgelesenen Textes erschweren können.

1. Beispiel: Binnen-I

Fangen wir mit dem sogenannten »Binnen-I« an, also der Verwendung des Großbuchstabens »I« im Wortinneren: »SchülerInnen und LehrerInnen machten einen Ausflug«. Mit dem Screenreader NVDA hört sich das so an:

Eine männliche Computerstimme (NVDA) liest: Schülerinnen und Lehrerinnen machten einen Ausflug. Das Binnen-I wird vom Screenreader nicht weiter beachtet, die akustische Ausgabe gleicht derer des generischen Femininums.

2. Beispiel: Unterstrich

Populär ist außerdem die geschlechtergerechte Schreibweise mittels Unterstrich: »Schüler_innen und Lehrer_innen machten einen Ausflug«.

Eine männliche Computerstimme (NVDA) liest: Schülerinnen und Lehrerinnen machten einen Ausflug. Auch der Unterstrich wird vom Screenreader verschluckt, die akustische Ausgabe gleicht derer des generischen Femininums, stört aber auch nicht weiter.

3. Beispiel: Genderstern

Genau das passiert nämlich ausgerechnet beim beliebten Genderstern/Gendersternchen: »Schüler*innen und Lehrer*innen machten einen Ausflug«. Der Screenreader liest das Sonderzeichen mit:

Eine männliche Computerstimme (NVDA) liest: Schüler Stern innen und Lehrer Stern innen machten einen Ausflug. Das kann sich negativ auf die Verständlichkeit des Textes auswirken.

Zudem hat der Stern oft auch eine andere Bedeutung, indem er beispielsweise Pflichtfelder in Formularen oder Fußnoten markiert. Für den Stern spricht aber, dass man ihn mit einer eingeschränkten Sehkraft im Vergleich zu anderen Sonderzeichen gut wahrnehmen kann.

4. Beispiel: Doppelpunkt

Immer begegnet uns die geschlechtergerechte Sprache mit dem Doppelpunkt: »Schüler:innen und Lehrer:innen machten einen Ausflug«. Beim Anhören wird klar, warum:

Eine männliche Computerstimme (NVDA) liest: Schüler (pause) innen und Lehrer (pause) innen machten einen Ausflug. Das wirkt künstlich, aber kommt der Sprechpause, wie sie aus gegenderten Radiobeiträgen beispielsweise bekannt ist, am nähesten. Trotzdem ist der Doppelpunkt nicht die perfekte Lösung: Manchmal wird kritisiert, dass der Lesefluss auf diese Art gestört wird. Das hängt oft auch mit eigenen Gewohnheiten und den Eigenheiten der verwendeten Software ab.

5. Beispiel: Mediopunkt

Etwas unüblicher ist die Schreibweise mit dem Mediopunkt: »Schüler·innen und Lehrer·innen machten einen Ausflug«. Der Screenreader liest das Sonderzeichen mit:

Eine männliche Computerstimme (NVDA) liest: Schülerinnen und Lehrerinnen machten einen Ausflug. Wie das Binnen-I wird der Mediopunkt vom Screenreader nicht beachtet.

Autismus und Asperger

Auch manche Menschen mit Autismus oder dem Asperger-Syndrom beklagen, dass die Sonderzeichen die Verständlichkeit des Textes erschweren. Sie können das Sonderzeichen nicht ignorieren und »stolpern« dann eher darüber.

Fazit

Geschlechtergerechte Sprache und Barrierefreiheit ist nicht immer gut unter einem Hut zu bringen. Aus Gründen der Barrierefreiheit ist die Paarform zu empfehlen. Noch besser sind nach Möglichkeit neutrale Formulierungen, die leicht verständlich sind und Lesefluss überhaupt nicht stören. In den geschlechtergerechten Schreibweisen mit Sonderzeichen liegen der Doppelpunkt und der Unterstrich eher vorne, sind aber keineswegs frei von Kritik.

Sinnvoll ist, Überlegungen zur gendergerechten Sprache bereits in die Konzeption einfließen zu lassen. Damit kann die gewählte Lösung der Zielgruppe und dem Ort der Veröffentlichung am ehesten gerecht werden.